Piratenpartei ohne Piratinnen
Früher oder später musste es ja so weit kommen. Das Thema der gleichberechtigen Sprache schlummerte förmlich im Themenwust der relativ jungen Piratenpartei, die ohnehin schon viel zu sehr damit beschäftigt ist, ihr Positionsspektrum auszuweiten. Also war es eigentlich nur ne Frage der Zeit, bis das Gespenst des Feminismus den innerparteilichen Diskurs erreichte und die Bombe platzen ließ, indem der Parteitag eine explizite Gleichstellungsforderung ablehnte. “Pirat” sei eine geschlechtsneutrale Anrede. Prompt feuerte die Blogosphäre mit Empörung und beißenden Zynismus der aufgekommenen Forderung nach beidgeschlechtlichen Formulierungen entgegen. Diese Reaktion ist geradezu üblich für alle Gruppen, die reflexartig aufgrund des beißenden Sprachempfinden das generische Maskulinum bevorzugen und sich deswegen leider keine tieferen Gedanken machen über den Sinn einer gleichgeschlechtlichen (Schrift-)Sprache.
Die Hacker sind schon schlauer
Schon bei der Gründung der Piratenpartei viel auf, dass sie ein fast ausschließliches Männerprodukt war. Doch natürlich war man grundsätzlich Frauen nicht abgeneigt, nur in der digitalen Web2.0-Geek-Internetzszene tummelten sich eben nur Jungs herum, so war es eben logisch, dass die Partei auch nur aus diesen bestünde. Eine ähnliche Entwicklung machte die Hackerszene durch. Man beachte hierbei gleich, dass diese nicht “Hackerinnen- und Hackerszene” genannt wird. Die Computerfreaks haben das sprachliche Problem elegant gelöst, indem sie für ihre weiblichen Pendants die Bezeichnung “Haecksen” eingeführt haben. Doch das Inhaltliche verlief auch nicht ganz ohne Reibungen, so lautete ein Grundsatz der Hackerethik: Beurteile einen Hacker nach dem, was er tut, und nicht nach üblichen Kriterien wie Aussehen, Alter, Rasse, Geschlecht oder gesellschaftlicher Stellung.” Demnach sei eine eigene Frauengruppe unzulässig. Doch die Haecksen selbst antworten in ihrer FAQ auf die Frage, warum Männer bei ihnen nicht mitspielen dürfen, dass sie es wohl dürfen: “Wir wollen halt primär ein Programm für und von Frauen anbieten, und eine Plattform, auf der sich ebenjene ungestört informieren und austauschen können. Allerdings schliessen wir niemanden bewusst aus, solange er denn gute Gründe hat, bei uns mitmachen zu wollen.” Die Haecksen leisten eine wichtige Arbeit gegen das Bild der technikfernen Frau. Und theoretische Gleichberechtigung hin oder her, in einer nach wie vor frauenbenachteiligten Gesellschaft sind Gruppen wie die Haecksen notwendig – nicht um sich selbst vom Mann zu diskriminieren, sondern um mit gewissen Vorurteilen bei geschlechtsdominierten Bereichen aufzuräumen.
“Tod dem Kopierschutz und der Kopierschutzin”
Die Diskussion entfachte erst so richtig im Web2.0, als eine ausgewiesene Feministin sich mit einem Blogartikel die Frage stellte, ob man als solche die Piraten überhaupt wählen kann. In diesem recht schwer verdaulichen und inhaltlich recht mauen Artikel kommt sie schnell zur Erkenntnis, dass die Piratenpartei wegen dem “Sexismus” nicht wählbar sei. Wohl gemerkt, dieser wird begründet allein durch die Tatsache, dass auf dem Parteitag gleichgeschlechtliche Formulierungen abgelehnt wurde. Das allein erfüllt aber wirklich nicht den Tatbestand des Sexismus, so weit geht es dann doch nicht.
Reaktionen der Internetgemeinde darauf folgten reflexartig mit einem pseudolustigen Zynismus à la “Tod dem Kopierschutz und der Kopierschutzin” bis hin zur Meinung, dass eine Frauenquote ja Diskriminierung von Männern sei. Sachliche Auseinandersetzungen gibt es dennoch, natürlich jenseits Foren und Blogkommentaren, welche ja bekanntlicherweise ohnehin eher Trollerein anstatt Diskurs fördern.
So schreibt Fritz Effenberger auf telepolis darüber: “Willkommen im 21sten Jahrhundert (bzw. 3ten Jahrtausend), liebe GleichstellungskämpferInnen. Und gleichzeitig meine Gratulation dafür, liebe FeministInnen, dass euer Einsatz so reiche Früchte getragen hat.” und weiter: “Gleich in der ersten Dekade des jungen Jahrhunderts (bzw. Jahrtausends) hat sich nämlich eine Partei gebildet, die alles, wofür ihr gekämpft habt, als Selbverständlichkeit betrachtet.”
Andreas Popp, Vorsitzender des bayerischen Landesverbandes der Piratenpartei hängt sich in seinem blog an der Definition von Diskriminierung auf, welche „trennen, absondern, unterscheiden“ sein soll. Wikipedia bezeichnet sie als die “die gruppenspezifische Benachteiligung oder Herabwürdigung”[Q], das trifft schon eher den negativen Charakter. Seis drum, es findet bei der Piratenpartei nicht statt – da hat er recht. “Das heißt aber auch, dass es keine Sonderbehandlung aufgrund irgendeiner dieser Eigenschaften gibt. Wer also Quoten, Sonderrechte oder sprachliche Artefakte wie Binnen-Kapitälchen will, der ist bei uns fehl am Platz.” Das nennt Popp “echte Gleichbereichtigung”. “Echt” ist wohl immer relativ und mag hier zutreffen, bezogen auf den innerparteilichen Mikrokosmos. Wenn man sich aber als Teil der Gesellschaft begreift, was man wohl als Partei sein sollte, ist diese Form von Gleichberechtigung ganz und gar nicht mehr echt. Man kann gesellschaftliche Fakten von geschlechtsspezifischen Hürden nun mal eben nicht für sich als Partei ausblenden. Das belegt auch die Tatsache, dass der Frauenanteil der Partei eklatant niedrig ist – weit unter dem der anderen. Dies ist ihr nicht anzulasten, wohl aber, wenn man(n) dieses Defizit nicht erkennt, nur ignorant verkündet, dass “bei uns ja jeder mitmachen könne…” und nichts aktiv dagegen tut. Genau das könnten die von ihm erwähnten Quoten, Sonderrechte oder ja, auch die sprachlichen Artefakte sein.
Piraten diskriminieren nicht, die Gesellschaft aber schon
Die Gleichberechtigung mag zwar in den Köpfen der Individuen der Piratenpartei angekommen sein, in der Praxis unserer Gesellschaft aber noch lange nicht. Man mag von Feminismus, Genderisierung und Binnen-I halten was man will – es sind nunmal Fakten, dass immernoch Frauen für die gleiche Leistung weniger Geld verdienen, in Führungspositionen und technischen Berufen deutlich unterrepräsentiert sind oder öfters häuslicher Gewalt. Die Trends hierzu verlaufen zwar in die richtige Richung, das haben wir, wie Fritz E. bei telepolis richtig erkannt hat, den (Nach-)68ern zu verdanken, aber angekommen sind wir bei weitem noch lange nicht. Auch wenn die Menschheit diesem Ideal wohl nie vollständig gerecht werden kann, so sind genau in jeder gesellschaftlichen Institution – auch in einer Partei - gewisse “Sonderregelungen” und Unterscheidungen für Frauen nötig, damit der Trend stimmt. Für die Geeks und Piraten: Vergleicht es mit dem Graph der Funktion f(x)=1/x, welcher sich gegen Null annähert. Denn eine negative Unterscheidung (Benachteiligung, Diskriminierung) wird bekämpft mit einer positiven Unterscheidung (Bevorzugung, Hervorhebung). Quoten und andere Frauenprivilege sind keine Diskriminierung von Männern, sondern fallen in die zweite Kategorie. Diese Erkenntniss sollte eigentlich bei den jungen, intelligenten Menschen der Piratenpartei ankommen, wenn man doch bedenkt, dass sie sich sperrigen und schwierigen Themen annehmen können, ohne nach der ersten Ecke das Denken einzustellen. Das beweisen ihre Positionen zu all den Themen der digitalen Revolution – also eben ihre Existenz.
Also Piraten (und Piratinnen), versperrt euch nicht Themen, von denen ihr zunächst keine Ahnung habt, sondern informiert euch und bildet euch dann ne Meinung, bevor ihr euer Pulver aufgrund eures Sprachempfindens verschießt. Macht nicht die selben Fehler wie die herrschenden Parteien bei euren Themen. Dort sind Vorratsdatenspeicherung und Internetzensur Schüsse aus der Hüfte, deren Fertigstellungen eine Latte auch von Unwissenheit und Ignoranz sind. Lernt aus ihren Fehlern, also streitet gefälligst um die Details der Sonderregelungen und nicht um sie selbst. Hoffe hiermit eine Brücke geschlagen zu haben.
Sehr gute Zusammenfassung, vielen Dank.
Es würde mich in der Tat schon beruhigen, wenn die Piratenpartei anerkennen würde, dass ihr geringer Frauenanteil ein Symptom für immer noch diskriminierende gesellschaftliche Strukturen ist. Daran sind die Piraten nicht schuld. Aber sie könnten das Problem erkennen. Und sich vielleicht sogar engagieren, um etwas daran zu ändern.
Danke! Zumindest von den Beiträgen (waren nicht viele^^) die ich bisher gelesen habe, der erste wirklich gute Beitrag der feministischen Seite.
Und auch wenn ich wohl selbst fehler aufgrund von Unverständnis eingestehen muss, so sträubt sich in mir immer noch alles dagegen, Frauen anders zu behandeln als andere Menschen. Und deshalb hoffe ich auch weiterhin, das sich ein Weg finden lässt, der Frauen nach außen im gebotenen Maße stützt, und z.B. mit Angeboten wie “Girl Geek Dinner” (Pirate Girl Dinner?^^) auch anlockt, aber gleichzeitig auf, in meinen Augen, diskriminierende Sachen wie Frauen Quoten (Quoten-irgendwas ist nicht umsonst negativ belegt) und Verkomplizierungen wie das Binnen-I verzichten kann.
Lasst und sehen was die Zukunft bringt:)
@partikelfernsteuerung
Die Frage ist doch erst mal, ob nicht eher die geringe Frauenquote in der Piratenpartei und die immer noch diskriminierenden gesellschaftlichen Strukturen eine gemeinsame Ursache haben, die zu finden und zu beseitigen wäre.
Also, Vorsicht bei der Zuordnung von Kausalitäten, da lauern zu viele Fallen.
@christoph: aus feministischer Sicht? Ich beanspruche für mich, meine Perspektive neutrale Sicht zu nennen. Denn ich hab mangels Kenntnis keine Meinung zum Feminismus selbst, sofern mag ich mir das Prädikat auch nicht anheften. ;) Kann man das als Mann überhaupt? Ist ja auch egal eigentlich.
Und nein DU sollst Frauen auch nicht anders behandeln als andere Menschen. Größere gesellschaftliche Gruppen wie Parteien in gewissem Maße eben schon. Strukturell zumindest. Und leider ist der Begriff “Quotenfrau” negativ besetzt. Das ist ein weiteres Beispiel bzw. Produkt der Ignoranz einiger…
Naja, vielleicht nicht feministische Sicht, aber zumindest eine sie erklärende;) Außerdem fehlte dem Artikel ein Autoren Name und ich nahm deshalb an, dass es sich bei dir um eine Frau handelt;)
Aber nein, ich denke nicht, das Quotenfrau aus Ignoranz-Gründen negativ besetzt ist. Im Normalfall will lediglich niemand aus Gründen einer Quote irgendwo sein, sondern auf Grund seiner Person.
In geschlossenen Bereichen (Arbeitsstellen) macht es Sinn, die X-Quote sorgt, unter Annahme einer Benachteiligung für Personengruppe X, dafür, dass der Anteil an X künstlich auf ein Niveau kommt, den X hätte wenn es die Benachteiligung nicht geben würde. Xe sind in dem Fall nicht weniger begabt.
Anders in “offenen” Bereichen. Beispiel Informatikstudium. Überall zu wenig Frauen. Aber hier gibt es keine Quoten, hier gibt es Förderungen zu Steigerung der Frauenanzahl. Extra Girl-Days etc. Aber das ganze ist offen. Wenn jetzt 500 Männer Informatik studieren können trotzdem Frauen beliebig dazukommen. Hier gibt es die Hürde nicht beim Studienfach. Die Hürde ist hier, dass mangelnde Interesse (das aus mehreren Gründen, u.A. durch auch in vielen Frauen verwurzelten Vorurteile ala “Technik nix für Frauen” ). Aber eine Quote, wenn die Plätze nicht knapp sind, wenn einfach nicht genügend mitmachen wollen macht keinen Sinn. Will man Männern das Studium verbieten weil zu wenig Frauen da sind (trotz vorhandener Kapazitäten)? Soll man Frauen von der Straße entführen und sie auf den Hörsaalstuhl fesseln?
Und irgendwie wurde der Kommentar konfuser als geplant, ich hoffe er bringt trotzdem rüber was ich meine;)
Nur weil in vielen Texten eine feminine Form fehlt, bedeutet das nicht, dass dadurch eine Diskriminierung stattfindet. Die Sprache dient des Informationsaustausches.
Würde man jedesmal die feminine und maskuline Form berücksichtigen besteht die Gefahr der Überladung und des Verlustes des eigentlichen Sinnes der Sprache: Informationsaustausch.
Offtmals kommt es in unserer Gesellschaft auch zur Diskriminierung der Männer. Darüber sprechen leider die Feministinnen, die für Gleichberechtigung sind nicht.
Beispiel:
Was ist mit dem Wehrdienst / Zivieldienst? Warum müssen Frauen nicht hin?
Was ist mit der “Ladies Night” in vielen Diskotheken? Ein pendant dazu ist schwer zu finden.
Es gibt Wichtigeres, als in Sprache eine Diskriminierung hineinzudeuten, wo oftmals keine ist.
Nicht das es falsch verstanden wird. Ich bin für Gleichberechtigung. Für Frauen UND Männer.
@Matschblase: Vielleicht könnte die Piratenpartei ja auch erkenne, dass das generische Maskulinum genauso ein Relikt vergangener (patriachaler) Zeiten ist, wie das Urheberrecht und sich was besseres ausdenken ;)
@Murks: Okay. Let’s talk English. Solved ;)
Achja, was mir gerade einfällt: Dieser Wechsel Hoch/Tief mal weiblich mal männlich zu benennen nervt auch. Wenn der Wechsel alle 10J wäre, wäre es ja noch okay;)
@Murks: Lasst uns alles zum Neutrum machen, dann kann sich keiner mehr diskriminiert fühlen.
Zusätzlich verlange ich, dass das Theatherstück “Jedermann” von Hugo von Hofmannsthal in “Jedermann und JedeFrau” umbenannt wird. Zusätzlich wäre der Name Hugo von Hofmanns auch umzubenennen :)
Ehrlich gesagt finde ich dieses Thema spannend. Ich habe es gestern mit meiner Frau diskutiert (darf man “meine Frau” sagen ?). Diese fühlt sich nicht durch die Sprachgegebenheiten benachteiligt.
Die große Frage wäre jetzt, worin bestehen eigentlich die Nachteile für Frauen, wenn man das generische Maskulin verwendet ? Ensteht dadurch direkter Schaden ? Findet die diskriminierung wirklich statt oder nur im Kopf ?
ehrlich gesagt hab ich keinen Bock, dass sich hier wieder über die verfi.. Sprache lustig gemacht wird… darüber hab ich schon genug im Artikel geschrieben und toleriere es hier erst recht nicht – im Gegensatz zu kontruktiven Beiträgen, danke! :P
sorry, ich hab das tatsächlich ernst gemeint. Zugegeben wurde bei der Überspitzung nicht deutlich genug was ich meinte:
Wer sich bei Fragen wie denen, die das Uberheberrecht betreffen so weit aus dem Fenster lehnt und übliche Normen in Frage zu stellen, der sollte doch auch in der Lage sein Geschlechterfragen neu zu denken. Das die männliche Form in der deutschen Sprache die üblich ist, ist doch tatsächlich ein Relikt aus Zeiten in denen Frauen einfach nichts zu sagen hatten.
Ob sich jetzt irgendwemseine Frau persönlich unterdrückt fühlt oder eben auch nicht tut ja dabei nix zu Sache. Ich bin auch noch nicht mit Urheberrechtsfragen in Konflikt gekommen und meine vorratsgespeicherten Daten wurden vermutliche auch noch nicht abgefragt und trotzdem hab ich ein Problem mit den Zuständen..
Also ein “Bei uns dürfen alle Gender mitmachen” bei einer Gruppe bei der eben nicht alle Gender mitmachen, find ich n bisschen zu einfach.. Man hört ja bei der Netzsperrendebatte auch nicht an dem Punkt auf wo man erklärt wie man sie umgehen kann sondern diskutiert warum es sie geben soll bzw. warum nicht..
Sehr guter Text – auch die Antwort. Jedoch ist die Piratenpartei bereits dabei, hieran zu arbeiten. Die dort vertretenen Frauen, wie z.B. meine Wenigkeit, und auch viele problembewusste Männer engagieren sich intensiv für die geschlechtsspezifischen Benachteiligungen Lösungsansätze zu erarbeiten. Dies lässt sich leicht in pirateneigenen Wikis und Foren nachlesen. Ich glaube, es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich auch bei den Piraten ein Bewusstsein für die Probleme der realen Welt einstellt. Piratenweib
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