Home > Netzkultur, Netzpolitik > Buchvorstellung: Freiheit statt Freibier

Buchvorstellung: Freiheit statt Freibier

Buchtitel Freiheit statt FreibierSpannend, informativ und äußerst lesenswert ist das Buch vom Publizisten Edvard Viesel für jeden Menschen, der sich einen Funken für die Belange der computerisierten Informationsgesellschaft interessiert. Das Buch hat den Flair eines Gemischtwarenladens, was den Reiz aber erst richtig ausmacht. Von der Geschichte der Freien Software, über das Urheberrecht, die (alten und neuen) Lizenzen und digitale Kontrollsysteme, bis hin zur “Praxis als gelebte Selbstbestimmung”, wie es Viesel nennt, behandelt er nahezu sämtliche Aspekte des digitalen, globalen Dorfes. Diese Praxis ist nichts anderes als eine gelungene Einführung in die anwenderfreundliche Benutzung eines Linuxsystems.

zusez4deutschesmuseum.jpgDie Geschichte der digitalen Entwicklung, vorallem des Computers als Haushaltsgerät und des Internets zum Massenmedium liegt wohl weiter zurück als man zunächst denkt. Natürlich feierte der PC den Einzug in die Privathaushalte in den späten 70ern und das Internet wurde erst anfang der 90er so gesellschaftsfähig, um aber die Relevanz von Freier Software zu erklären, holt Autor Edvard Viesel ganz weit aus und fängt mit der Entstehung der Softwareentwicklung an, die aus der Elektrotechnik entstand. Ende der 50er Jahre begann alles im Massachusets Institute of Technology, kurz MIT, wo ein Mathematiker erstmals lehrte, wie man die wandschrankartigen Kolosse von Rechenmaschinen bedient – sprich programmiert. Was heute theoretisch jeder Mensch lernen kann, verlangte damals nicht nur ein umfangreiches Wissen über die Funktionsweise der riesigen Maschine, sondern auch ein tranceartige Konzentration aufgrund der Komplexität der damaligen Programmiersprache. Die damalige Entwicklung ging nicht zuletzt auch deswegen so rasant voran, weil die geistige Arbeit – sprich die Software innerhalb des Entwicklerkreises frei veröffentlicht, getauscht und verbessert wurde. In den 70ern begann der Computer eine Spielwiese für technikbegeisterte Bastlerfreaks zu werden, die sich in dezentralen Kommunen organisierten, trafen und so ihr Wissen zusammentrugen, wobei die freie und offene Handhabung ihrer Arbeit ebenso politisch motiviert war.

187132368_e79ac41436_m.jpgBill Gates, der als 13 jähriger schon das programmieren begonnen hatte und gegen gute Bezahlung Software für große Konzerne entwickelte, schuf als Teenager zusammen mit Paul Allen 1975 eine Version der heute noch bekannten Programmiersprache BASIC für einen Computer namens Altair. Gates und Allen überzeugten den Hersteller des Altairs, ihre Version von BASIC zusammen mit dem Computer zu verkaufen, was ihnen den Unmut der ganzen Freien Softwarekommune zuzog. Schliesslich vermarkteten sie kommerziell ein Produkt, dass auf ein kostenloses freies Grundprodukt basiert. Die Programmierer würden so durch die unerlaubte Kopie davon abgehalten werden, weitere gute Software zu schreiben. Bill Gates entgegnete dem, dass er für seine professionelle Arbeit bezahlt werden möchte. Auch wenn er dabei vergaß, dass die Vorgängerprodukte seiner Arbeit nicht bezahlt wurden. Um sich das zu verdeutlichen stelle man sich vor, ich kreiere eine Schwarzwälderkirschtorte, nehme statt den Kirschen nun Bananen und lasse mir das ganze leicht abgeänderte Originalrezept als neues eigenes Rezept patentieren indem ich nicht nur die Abänderung, sondern das Produkt als ganzes als mein geistiges Eigentum betrachte.

Mitte bis Ende der 70er dominierte das sogenannte „geistige Eigentum“gegenüber der Freiheit der Software. Es war auch die Zeit, als das amerikanische Copyright auch auf computersoftware ausgeweitet wurde, und die einstigen Hobbybastler ihre Leidenschaft bei Firmen zum Beruf machen konnten. Das Schlüsselerlebniss der Diskrepanz zwischen freier und propietärer, also kommerzieller und abhängiger Software, so berichtet der damalige Physiker Richard Stallman, war für ihn ein Papierstau seines Laserdruckers. Die Software zum Drucker wurde nicht mit dem Quellcode geliefert, so erfragte er diese bei seinem Programmiererkollegen der Herstellerfirma um das Problem Papierstau zu lösen. Dieser aber verweigerte die Herausgabe und begründete das mit einer Verpflichtung gegenüber der Druckerfirma zur Geheimhaltung des Quellcodes, um der Konkurrenz wegen dem technischen Vorsprung keinen Einblick in die Funktionsweise zu gewähren. Richard Stallman fühlte sich als Opfer des Verrats am Hacker-Ethos, welches besagt, dass Computerprogramme stets Gemeinschaftswerke sind.

Stallman 2005

Während Edward Viesel detailliert, informativ und spannend die Geschichte der freien und kommerziellen Software erzählt, findet man stets Beispiele, wie freie, immaterielle Werke von bestimmten Personen oder Firmen plötzlich zu geistigem Eigentum erklärt wurden. Trotzdem werden einige wichtige Entwicklungen weggelassen, zum Beispiel dass das Betriebssystem Microsoft Windows den Monopolstatus nur erreichen konnte, indem die Version 3.1 damals noch durch Kopien so leicht verbreitet werden konnte.

Zum Verständniss der Entwicklung und Relevanz der Freien Software, gehört ein Basiswissen über das Urheberrecht und den Freien Lizenzen. Im Buch wird das über 500 Jahre alte Urheberrecht mitsamt der geschichtlichen Entwicklung und heutigen Form vorgestellt, dass gerade in der Gegenwart dank des Internets einfach gemachten Austausch aller nicht greifbaren Kulturgüter immer mehr als Innovationsbremse, anstatt wie ursprünglich als Schaffungsschutz. Was heute auch für Kulturgüter gilt, galt damals schon für Software. Richard Stallman, der damals am Labor für künstliche Intelligenz am Massachusets Institute of Technology arbeitete, ärgerte sich stets, dass einige Abwandlungen seiner für jeden frei verfügbaren Software kommerzialisiert wurde und somit der Quellcode auch nicht mehr zugänglich war. Mitte der 80er begann er mit der von ihm gegründeten Free Software Foundation eine eigene Lizenz zu erstellen, dass für seine freie Alternative des Betriebssystems Unix, namens GNU (GNU is not Unix) vorgesehen war. 1989 wurde dann die erste Version der GNU General Public Licence veröffentlicht. Das revolutionäre war das sogenannte Copyleft- Prinzip, das besagt, dass jede Abwandlung des Grundproduktes wieder unter der selben Lizenz veröffentlicht werden muss. Damit wurde verhindert, dass die Software kommerzialisiert werden konnte und trotzdem jedem zugänglich war. Das Urheberrecht wurde hier nicht umgangen, der Urheber beruft sich sogar explizit darauf, um mit der GNU-GPL den Anspruch des Zugangs zu den Folgeprodukten zu bewahren.

Creative CommonsEbenso werden andere wichtige Freie Lizenzen vorgestellt, wie zum Beispiel die FreeBSD Lizenz mit ihren Ursprung aus der universitären Forschung, die ohne Copyleft den Nutzer des FreeBSD Produkts nicht zur Veröffentlichung der Gesamtsoftware zwingt.
Die für die Medien des Internets, also Bild, Text, Audio, Video in digitaler Form wichtigsten Freien Lizenzen sind die 2001 vom Juristen Lawrence Lessig entwickelten Creative Commons. Sie garantieren die frei Verbreitung, sind aber variabel in den Punkten Veränderbarkeit und kommerzielle Nutzung.

Insgesamt ähneln viele Freie Lizenzen der Gemeinfreiheit, grenzen sich aber deutlich in der Frage der kommerziellen Verwertbarkeit von ihr ab. Gemeinfrei sind zum Beispiel historische Werke oder aber auch, wo nach Ablauf von 70 Jahren nach Tod des Urheberrechtsinhabers das Werk gemeinfrei erklärt wird.

Die digitale Entwicklung geht so rasant wie kaum entwas anderes, das merkt jeder Mensch, der mit Computern in Berührung kommt. Genauso detailliert beschreibt Edward viesel in seinem Buch die Entwicklungen der jeweriligen Medien brandaktuell bis Sommer 2006. Während die propietäre Software sich größtenteils sich auf den heimischen PCs etablierte, werden im Buch jeweils zu fast nahezu jedem alltäglich genutzten Programm oder auch Internetdienst, die freie Alternative vorgestellt. In einigen Beispielen hat sich auch die freie Variante durchgesetzt, wie im Beispiel der Enzyklopädien ist Wikipedia kaum einem im Internet agierenden Menschen fremd. Es ist das Paradebeispiel für eine erfolgreiche Dominanz der freien dezentral gesammelten Informationen, welche trotz der Masse und des Zugangs für jedermann qualitativ hochwertig bleibt. Als Gegenbeispiel bietet sich das Nachrichtenportal Indymedia an, dass aufgrund der Freiheit des Veröffentlichen oft qualitativ zu leiden hat. Trotzdem überwiegt hier die der Vorteil der Funktion als alternative Nachrichtenquelle, die oft über vernachlässigte Themen berichtet, die im Mainstream garnicht oder nur kaum vorkommen.

Genauso geht das Buch auf die Hintergründe der für den normalnutzer relevanten Dateiformate ein. Der Autor gibt Tipps, warum man für Musikdateien zum Beispiel lieber das offene und freie OGG, also .ogg Format anstatt das weitverbreitete MP3 zu nutzen. Nicht wegen der technische Überlegenheit, sondern den Konzernen, die ihre Patente jederzeit an der Nutzung geltend machen können.

Tux (Quelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Tux_%28Maskottchen%29)Der große zweite Teil des Buches ist die ausführliche Vorstellung des Freien Betriebssystem Linux. Nun könnte man den Kritikpunkt anbringen, dass Herr Viesel lediglich zwei Distributionen vorstellt, nämlich die Beispiele OpenSuse und Kubuntu. Er erwähnt zwar, dass mittlerweile auch schon hinter jeder Freien Linuxversion ein großes Unternehmen steckt, dass die Entwicklung erst möglich macht, geht aber nicht auf die Bedeutung dieser Entwicklung ein, wie er bei allen anderen Beispielen tut. Es ist es trotzdem das erste Buch das ich kenne, dass nicht Handbuchartig langathmig die softwaretechnischen Details der Softwarepakete dokumentiert, sondern von Installation über Konfiguration bis hin zur Anwendung, knapp und leicht verständlich für jeden Windowsnutzer praxisnah erklärt. Damit wird ein weiterer Schritt getan hin zur Abschaffung des Vorurteils der Alternativlosigkeit zum Betriebssystems Windows. Linux hat den Ruf als benutzerunfreundliches Expertensystems, die rasante Entwicklung hat dies aber geändert, der Ruf ist geblieben. Dabei stellt das Buch jede alltägliche Arbeit mit dem PC in ihrer Verwendung eines Linuxprogramms vor. Von Emails schreiben über Multimedia Anwendungen wie Bilder oder Videos bearbeiten, bis hin zum einfachen CD brennen, jedes teure und noch so umfangreiche Windowsprogramm hat unter Linux einen freien, kostenlosen und vor allem ebenbürtigen Konkurrenten, der in der Bedienung mindestens genauso einfach ist.

SuSE Screenshotkubuntuscreen.jpg

Mit diesem Doppelfeature des Buches, also den Mix aus der interessanten Geschichte der Freien Software und dem praktischen Nahebringen der selbigen, baut er nicht nur weitverbreitete Hemmungen gegenüber Windowsalternativen ab, sondern schafft auch ein Bewusstsein für die Relevanz der selbigen. Denn allein, dass die Computerindustrie ein Netz aus Kopiersperren, Restriktionstechniken und Datenmissbrauch stricken, dass nicht nur zu Lasten des PC-Nutzers, sondern auch der Informationsgesellschaft geschieht, scheint die Masse der Anwender nicht hin zur Benutzung von Freie Software zu bewegen.

Zu bestellen ist das Buch über den Unrast Verlag selbst oder u.a. auch über amazon.de

Edward Viesel

Freiheit statt Freibier

Geschichte und Praxis der freien digitalen Welt – mit einer Einführung in Linux

ISBN-10: 3-89771-450-7
ISBN-13: 978-3897714502
Ausstattung: br., 280 Seiten
Preis: 16.00 Euro

Bilder:

1) “Buchtitel”: www.unrast-verlag.de

2) “Zuse Z4 im Deutschen Museum” flickr.com, Schockwellenreiter, CC-Lizenz: by-nc-nd
3) “Bill Gates 1985″ flickr.com, Esparta, CC-Lizenz: by-nd

4) “Richard Stallman 2005″ de.wikipedia.org, CC-Lizenz: by

5) “A Bold GNU Head”: de.wikipedia.org, Lizenz: Art libre (Copyleft)

6) “Creative Commons” flickr.com, kenchanayo, CC-Lizenz: by-nc-sa

7) “indymedia logo” www.indymedia.org

8) “Tux – Linuxmaskottchen” de.wikipedia.org, Lizenz:The copyright holder of this file allows anyone to use it for any purpose, provided that the copyright holders Larry Ewing, Simon Budig and Anja Gerwinski are mentioned.
9) “Suse Screenshot” flickr.com, kapeka, CC-Lizenz: by-nc-sa

10) “Kubuntu Screenshot” flickr.com, Luana^^, CC-Lizenz: by-nc-sa

KategorienNetzkultur, Netzpolitik Tags:
  1. 20. März 2007, 14:45 | #1

    Ärgerlich nur, dass der Autor ausgerechnet zwei Linux-Distributionen in seinem Werk vorstellt, die sich ganz gerne an “nicht freiem” Material bedienen,wie beispielsweise Codecs, um *.wmp Dateien ab zu spielen. In Anbetracht der Präsentation wirklich “freier” Betriebssysteme wären hier Debian (www.debian.org) oder sidux (www.sidux.com) eher geeignet, da diese beiden als Philosophie haben, ausschliesslich “freie” Bestandteile zu beinhalten. Hier ist die Chance von Microsoft, respektive Steve Ballmer (CEO) wegen Patentschutzverletzungen verklagt zu werden, wesentlich geringer. Da Steve Ballmer “die Möglichkeit einer solchen Sammelklage” gegen alle Linux – User (natürlich mit Ausnahme von SuSE- bzw. OpenSuSe- Nutzern, da Novell ja bekanntlich mit Microsoft “verbandelt” ist) in Aussicht.

  1. Bisher keine Trackbacks